
Schlaf ist für unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit unverzichtbar. Wenn der Schlaf über einen längeren Zeitraum gestört ist, spricht man von einer Schlafstörung. Das bedeutet nicht nur, dass man schlecht schläft, sondern dass man dadurch tagsüber Probleme bekommt – zum Beispiel ständige Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, schlechte Laune oder sogar Schwierigkeiten bei der Arbeit oder im Alltag.
Was zählt als Schlafstörung?
Eine Schlafstörung liegt vor, wenn jemand regelmäßig zu wenig schläft, nicht erholt aufwacht, schlecht durchschläft oder wenn der Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander ist (z. B. durch Schichtarbeit oder Jetlag). Entscheidend ist nicht nur, wie lange man schläft, sondern ob man sich erholt fühlt und ob der Schlafmangel im Alltag Probleme verursacht.
Es gibt viele verschiedene Arten von Schlafstörungen. Die wichtigsten sind:
- Insomnie (Schlaflosigkeit): Man hat Schwierigkeiten einzuschlafen, durchzuschlafen oder wacht zu früh auf – und fühlt sich danach nicht erholt.
- Schlafapnoe: Beim Schlafen kommt es immer wieder zu Atemaussetzern, oft verbunden mit lautem Schnarchen. Das führt zu häufigem Aufwachen und starker Tagesmüdigkeit.
- Restless-Legs-Syndrom (RLS): Ein unangenehmes Kribbeln oder Ziehen in den Beinen, besonders abends oder nachts, das nur durch Bewegung kurzzeitig besser wird.
- Narkolepsie und Hypersomnie: Betroffene sind tagsüber extrem schläfrig, manchmal sogar mit plötzlichen Schlafattacken.
- Circadiane Rhythmusstörungen: Der innere Wecker ist nicht im Takt mit dem Alltag – z. B. bei Jugendlichen, die erst spät einschlafen können, oder bei älteren Menschen, die sehr früh wach sind.
- Parasomnien: Dazu gehören Albträume, Schlafwandeln oder das sogenannte REM-Schlaf-Verhaltenssyndrom, bei dem man Träume körperlich auslebt.
Akut oder chronisch? Primär oder sekundär?
Schlafstörungen können kurzfristig (akut) auftreten – etwa nach einem stressigen Ereignis, bei einer Erkältung oder durch Jetlag. Meist bessern sie sich dann von selbst. Werden sie aber über drei Monate hinweg an mindestens drei Nächten pro Woche zum Problem, spricht man von einer chronischen Schlafstörung.
Früher unterschied man zwischen primären (keine andere Ursache) und sekundären (Folge einer anderen Erkrankung) Schlafstörungen. Heute weiß man: Oft liegen mehrere Ursachen vor – zum Beispiel eine Depression und Schlaflosigkeit, die sich gegenseitig verstärken. Deshalb behandelt man heute beide Probleme gleichzeitig.
Wie häufig sind Schlafstörungen?
Schlafprobleme kommen in jedem Alter vor, aber die Art der Störung ändert sich:
- Babys und Kleinkinder wachen oft nachts auf – das ist normal, da ihr Schlaf-Wach-Rhythmus noch nicht ausgereift ist.
- Jugendliche neigen zu einem „verzögerten Schlafphasensyndrom“: Sie können abends nicht einschlafen, müssen aber früh zur Schule – das führt zu chronischem Schlafmangel.
- Erwachsene leiden oft unter Stress, Schichtarbeit oder gesundheitlichen Problemen wie Schlafapnoe.
- Ältere Menschen schlafen häufiger unruhig, wachen nachts auf (z. B. wegen häufigen Wasserlassens) und haben insgesamt weniger Tiefschlaf.
Frauen berichten häufiger über Schlaflosigkeit, Männer leiden öfter unter Schlafapnoe – besonders vor der Menopause. Hormone, Lebensumstände und psychische Belastungen spielen hier eine große Rolle.
Warum entstehen Schlafstörungen?
Die Ursachen sind meist vielschichtig:
- Psychische Faktoren: Stress, Angst, Depression oder traumatische Erlebnisse stören den Schlaf stark. Umgekehrt kann chronischer Schlafmangel auch psychische Erkrankungen auslösen oder verschlimmern.
- Körperliche Erkrankungen: Schmerzen, Atemwegsprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurologische Störungen (z. B. Parkinson) oder hormonelle Ungleichgewichte (z. B. Schilddrüsenprobleme) können den Schlaf beeinträchtigen.
- Medikamente und Substanzen: Viele Arzneimittel (z. B. Antidepressiva, Betablocker, Kortison) oder Substanzen wie Koffein, Nikotin und Alkohol stören den Schlaf – auch wenn Alkohol kurzfristig müde macht, führt er zu unruhigem Schlaf.
- Lebensstil: Unregelmäßige Schlafzeiten, zu viel Bildschirmzeit abends, falsche Ernährung oder Bewegungsmangel wirken sich negativ aus.
- Umwelt: Lärm, Licht, zu warme Räume oder ein unbequemes Bett können das Einschlafen erschweren.
- Genetik: Manche Menschen sind von Natur aus „Morgen-“ oder „Abendmenschen“. Bestimmte Gene beeinflussen auch das Risiko für Erkrankungen wie Narkolepsie oder RLS.
Was passiert, wenn man nichts dagegen tut?
Unbehandelte Schlafstörungen können ernsthafte Folgen haben:
- Kognitive Probleme: Konzentration, Gedächtnis und Entscheidungsfähigkeit leiden.
- Psychische Belastung: Das Risiko für Depressionen, Angststörungen und sogar Suizidgedanken steigt.
- Mehr Unfälle: Müdigkeit erhöht das Risiko für Verkehrsunfälle oder Fehler bei der Arbeit – besonders in sicherheitsrelevanten Berufen.
- Körperliche Erkrankungen: Schlafmangel fördert Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und schwächt das Immunsystem.
- Geringere Lebensqualität: Betroffene ziehen sich oft sozial zurück, fühlen sich überfordert und leiden unter ständiger Erschöpfung.
Wie wird diagnostiziert?
Die Diagnose beginnt mit einem ausführlichen Gespräch (Anamnese). Wichtig sind Fragen zu:
- Schlafzeiten und -qualität
- Tagesmüdigkeit
- Medikamenten- und Substanzkonsum
- psychischen und körperlichen Erkrankungen
- Lebensumständen (Arbeit, Familie, Stress)
Hilfreich sind auch:
- Schlaftagebuch: Über 1–2 Wochen werden Schlafzeiten, Aufwachphasen und Einflüsse wie Koffein dokumentiert.
- Fragebögen: Zum Beispiel der „Pittsburgh Sleep Quality Index“ oder die „Epworth Sleepiness Scale“.
- Aktigraphie: Ein Armband misst Bewegungen und gibt Aufschluss über den Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Polysomnographie: Im Schlaflabor werden Hirnströme, Atmung, Herzfrequenz und Muskelaktivität über Nacht aufgezeichnet – besonders bei Verdacht auf Schlafapnoe oder Parasomnien.
Wie kann man Schlafstörungen behandeln?
Die Therapie hängt von der Ursache ab. Wichtig ist: Nicht jede Schlafstörung braucht Medikamente!
1. Nicht-medikamentöse Maßnahmen (meist erste Wahl)
- Schlafhygiene: Feste Schlaf- und Aufstehzeiten, dunkles, ruhiges und kühles Schlafzimmer, kein Fernsehen oder Smartphone im Bett.
- Verhaltenstherapie (CBT-I): Die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie gilt als Goldstandard. Sie hilft, negative Gedanken über den Schlaf zu verändern und gesunde Schlafgewohnheiten zu etablieren.
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung, Atemübungen oder Achtsamkeitstraining beruhigen Körper und Geist.
- Lichttherapie und Melatonin: Bei circadianen Störungen kann morgendliches helles Licht oder abends Melatonin helfen, den inneren Rhythmus zu regulieren.
2. Medikamente (nur kurzfristig und gezielt)
- Schlafmittel (z. B. Benzodiazepine, Z-Substanzen) wirken schnell, bergen aber Risiken wie Abhängigkeit, Gedächtnisprobleme oder Stürze – besonders bei älteren Menschen.
- Melatonin (langwirksam) ist bei älteren Patienten oft besser verträglich.
- Neue Wirkstoffe wie Orexin-Antagonisten bieten eine Alternative mit geringerem Abhängigkeitsrisiko.
- Bei RLS kommen Dopaminagonisten oder Gabapentin zum Einsatz.
- Bei Narkolepsie werden Wachmacher wie Modafinil verschrieben.
Wichtig: Medikamente sollten nur kurzfristig und unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden – und nie als alleinige Lösung.
3. Spezifische Therapien bei körperlichen Ursachen
- CPAP-Therapie bei Schlafapnoe: Ein Gerät bläst sanft Luft in die Atemwege, damit sie offen bleiben.
- Eisensubstitution bei RLS, wenn ein Eisenmangel vorliegt.
- Operationen oder Zahnspangen bei anatomischen Engstellen im Rachen.
Besondere Gruppen
- Kinder und Jugendliche: Hier stehen klare Rituale, feste Bettzeiten und Reduzierung von Bildschirmen im Vordergrund. Bei Verdacht auf Schlafapnoe (lautes Schnarchen, Atemaussetzer) ist eine ärztliche Abklärung wichtig.
- Ältere Menschen: Oft spielen mehrere Erkrankungen und viele Medikamente eine Rolle. Nicht-medikamentöse Ansätze sind besonders wichtig, da Schlafmittel hier riskanter sind.
- Schwangere: Viele Medikamente sind nicht erlaubt. Stattdessen helfen Schlafposition, Schmerzmanagement und Entspannung.
- Schichtarbeiter: Strategische Nickerchen, Lichtmanagement und eine gute Schlafumgebung tagsüber können helfen.
Digitale Hilfen – sinnvoll oder nicht?
Apps und Online-Programme (z. B. digitale CBT-I) können nützlich sein, besonders wenn kein Therapieplatz verfügbar ist. Aber: Nicht alle Apps sind wissenschaftlich geprüft. Manche führen sogar zu mehr Sorge um den eigenen Schlaf („Orthosomnie“). Digitale Angebote sollten daher ergänzend genutzt und kritisch ausgewählt werden.
Fazit: Was kann man tun?
- Erstmaßnahmen: Regelmäßige Schlafzeiten, gute Schlafhygiene, weniger Koffein/Alkohol, Bewegung am Tag, Entspannung am Abend.
- Bei anhaltenden Problemen: Frühzeitig ärztlichen Rat suchen – je länger man wartet, desto schwerer wird die Behandlung.
- Nicht auf eigene Faust langfristig Schlafmittel nehmen – lieber professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
- Schlafstörungen sind behandelbar! Mit der richtigen Diagnose und Therapie kann sich die Lebensqualität deutlich verbessern.
Schlaf ist keine Luxus, sondern ein Grundbedürfnis. Wer gut schläft, ist gesünder, leistungsfähiger und glücklicher. Deshalb lohnt es sich, Schlafproblemen ernst zu nehmen – für sich selbst und für die Gesellschaft.


